Ein Gemischtwaren Laden mit Alleinstellungsmerkmal. Materie & Art reichen sich die Hand. Ein Besuch in der Marterie

Marterie

Wo früher blutige Koteletts und Hackfleisch die Auslage zierte,
bekommen wir heute zeitgenößische Kunst, Vintage Möbel und Design präsentiert. Die alte Metzgerei hat schon lange ausgedient und seine Tore geschlossen. Anny und Sibel Öztürk haben sich mit ihrer Fachhandlung für Materie und Art, einen langersehnten Traum erfüllt. Die beiden Schwestern habe schon als Teenager von einem eigenen Laden geträumt. Kunst, Grafik und Design unter einem Dach. Eine Galerie alleine hätte den beiden Künstlerinnen in Offenbach nicht genügt. Sie möchten in ihrem kleinen Fachgeschäft ihre Liebe zum Design der Midcentury-Ära und für frisches, gradliniges und junges Design weitergeben. Re- bzw. Upcycling spielt ebenfalls eine große Rolle. „Es ist uns wichtig Nachhaltigkeit vorzuleben und dabei aber auch einen guten Geschmack zu beweisen.“

 

 

Ihr guter Geschmack hat sich in ihrem Laden Marterie manifestiert. Sie haben es vor ein paar Wochen geschafft mich in ihre Fachhandlung zu locken. Ich bin einfach die zwei Stufen hochgestiegen, habe die Klinke runtergedrückt und schon war ich drinnen in ihrem Kosmos. So einen Laden habe ich in Offenbach noch nicht gesehen. Auf meinen Streifzügen von A nach B komme ich des öfteren durch die Geleitstraße. Für die meisten unter uns, mich eingeschlossen, hatte die Straße allerdings keinen besonders hohen Stellenwert. Als Einkaufsstraße fehlte bisher ganz eindeutig die Attraktivität. Dies gehört nun aber der Vergangenheit an. Die kreative Stadt Offenbachhat ein neues Fachgeschäft mit Alleinstellungsmerkmal der besonderen Art im Köcher, für das man nun gezielt den Weg in die Geleitstraße sucht. Der #schöneeckenausoffenbach Aufkleber an ihrer Tür zeigt dies ganz deutlich.

 

 

Die zwei Schwestern haben in Frankfurt am Main an der Städelschule (Staatliche Hochschule für Bildende Künste) studiert, schlossen diese als Meisterschülerinnen ab und arbeiten seit dem Jahr 2000 zusammen. Seite an Seite. Sie entwickeln Multimedia-Projekte, Licht- und Rauminstallationen, ausserdem arbeiten sie an zahlreichen experimentellen Formaten, bei denen sie auch kuratorisch tätig sind. In ihren Werken reagieren sie sehr stark aufdie jeweiligen Raumsituationen und die thematischen Vorgaben. Bei einer Vielzahl ihrer Projekte laden sie den Betrachter zur Beteiligung an der künstlerischen Arbeit ein. Sie sind mit ihren Werken nicht nur in Deutschland aktiv, die beiden Öztürk Schwestern repräsentierten 2007 die Bundesrepublik Deutschland, anlässlich deren EU Präsidentschaft mit ihrer interaktiven Installation„Mehr Licht“ auf dem Rond Point Schuman in Brüssel. Das erst mal bin ich auf die Arbeiten von Anny und Sibel bei ihrer Lichtinstallation „Say Say Say“ in Offenbach, an der Außenfassadedes Rathauses aufmerksam geworden. Damals allerdings noch unwissend, wer dahinter steckt. Dort wurden von ihnen leuchtendeSprechblasen aufgehängt. Auf ihrer Homepage heißt es: „… Die Leuchtkästen als Sprechblasen führen eine Bildfigur des Comics aus der Zweidimensionalität des Printmediums, in die Dreidimensionalität der Skulptur. Sprechblasen bilden Texte ab, die als eine Sichtbarmachung von Gesprochenem verstanden werden sollen …“ Man musste als vorbeilaufender Passant einfach stehenbleiben. Mich haben die leuchtenden Sprechblasen sehr angesprochen. Es wirkte irgendwie surreal auf mich. Eine Lichtinstallation der besondern Art.

Mit dem schönen Wörtchen „Art“ sind wir nun auch schon wieder bei dem heutigen Hauptakteur, ihrem Laden. „In unserem Laden kommt ART nicht nur im Namen vor.“ Sagen mir die zwei. Der Name verbindet nämlich die Materie mit Art und wird dadurch zur Marterie. Art steht hier vielmehr für das große Ganze, was für die beiden alles miteinander in Einklang bringt. Die Kunst des Lebens, des Einrichtens und des Sehens materialisiert sich in Allem, was man im Laden findet. In ihrem Graphikraum präsentieren sie Kunst des 20. Jahrhunderts. „Der Graphikraum wird von unserem Freund und Kurator Rafael von Uslar (Berlin) bespielt und ist thematisch an die Ausstellungen unserer kleinen Galerie angelegt.“ Es werden Werke seiner aussergewöhnlichenund eindrucksvollen Sammlung gezeigt. Alle 6 Wochen werden hier neue Arbeiten aufgehängt.

 

 

Ihre geheime Liebe ist aber ihre kleine Galerie, die ebenfalls in der Marterie untergebracht ist. Dort kuratieren Anny und Sibel im 6 wöchigen Rhythmus Ausstellungen von befreundetenKünstlern/Innen. An ihrer Galerie hängt ihr Herz. Bewerben kann man sich für eine Ausstellung in der Marterie leider nicht, dass Jahresprogramm steht bereits fest. Sie sind ausgezeichnet vernetztund haben einen unglaublich tollen Pool an Künstler/Innen auf den sie zugreifen können. Angefangen haben sie mit den neon-knalligenArbeiten und Lampen von Stefan Wieland. Im Anschluss kamen dann reduzierte schwarzweiss Fotografien von Geo Reisinger, die aktuell von einer Rauminstallation und Fotoarbeiten ihrer Freundin Sandra Mann ersetzt wird. Diese auch in der Sammlung des MMK zu finden sind. Als nächstes kuratieren die zwei die Ausstellung von Edith Kollath. Dort sehen wir dann eine Rauminstallation und sogenannte Tape-Zeichnungen.

 

 

Von Anfang an war den beiden klar, dass sie ihre Kommissionspartner, also die Designer/Innen und Künstler/Innen professionell vertreten, ihre Arbeiten promoten und natürlich gut verkaufen. Denn was nützt einem das schönste Lob, wenn man schließen muss, weil man am Monatsende die Rechnungen nicht bezahlen kann. „Dies ist uns immenswichtig, nicht nur um unseren Laden weiterzuführen, sondern auch damit die Designer/Innen und Künstler/Innen ihre Arbeit fortsetzenund davon leben können. Darüber hinaus macht es uns Freude, unserer Stadt Offenbach, wo wir mit unseren Familien Leben und Arbeiten, etwas zurückzugeben und zu der bunten Vielfalt etwas beizutragen. Neben Dönerläden, Aldi und einem Nagelstudio steht unser buntes Geschäft mit Allerlei Schönem und freut sich auf Besuch.”

 

 

Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall, alleine schon um sich das außergewöhnliche Fachgeschäft mal von innen anzusehen. Anny und Sibel haben Anfang November die Türen ihres Fachgeschäftes aufgeschlossen. Bis dahin war es allerdings ein langer, staubiger und beschwerlicher Weg. Als die beiden an einer Stelle des Bodens sahen, was unter der cm dicken Schicht aus Ausgleichsmasse, Teppichkleber, Dreck und einem Kokosteppich für ein Bodenmosaik versteckt war, hatten sie die verrückte Idee diese freizulegen. „Daran haben wir dann ähnlich wie in einer Kohlenmiene, täglich zu viert, mehrere Stunden aufallen Vieren verbracht, um mm für mm den Boden freizulegen. Nach 4 Wochen waren nicht nur wir geschafft, sondern auch die sehr anstrengende und staubige Aufgabe. Der Lohn der Arbeit ist, wenn Kunden reinkommen und die schönen Fliesen und Kacheln bewundern. Es war so, als legten wir einen Teil der Geschichte dieses schönen Hauses frei. Sibel hat dann noch, wie eine Archäologin, aus dem Bauschutt Jugendstilfliesen gerettet und diese dann zusammen gepuzzelt. Einige davon haben wir im Laden in die Wändeintegriert.“ Der gesamte Umbau hat ca. 4 Monate in Anspruch genommen aber richtig abgeschlossen ist er noch nicht. Die beiden müssen noch einiges dämmen und es gibt noch einen Raum, der im Moment als Lager benutzt wird. Dieses kleine Lager könnte ein schöner Verkaufsraum für Kleidung von jungen Designerinnen werden. „Im Moment ist es eher eine sehr schöne Rumpelkammer“ sagen mir die zwei im Interview.

 

 

Neben ihrem Graphikraum und ihrer Galerie kann man in der Marterie auch noch schöne Vintage Möbel, Vasen und Design erstehen. Viele der Möbelstücke und Vasen kommen aus ihrem eigenen Besitz und aus der Sammlung einiger Freunde. Ansonsten arbeiten sie mit jungenDesignern zusammen, die sie mit ihren Ideen überrascht und begeisterthaben. Die meisten stammen aus dem Rhein-Main Gebiet. Wenn den beiden etwas gefällt, fragen sie bei den Designern/Innen an, wenn diese dann Lust haben, arbeiten sie zusammen. So einfach kann es manchmal sein. „Bisher hat noch Niemand abgesagt, den wir gerne in unserem Laden präsentieren wollten.“ Unter ihren Partnern findet man die Mainzer Jungs von BLOKK, die Hamburger Perlen von LOCKENGELÖT, der preisgekrönte Frankfurter Designer KAI LINKE, die formschönen Betonkreationen von Christian Königs FORMDIMENSIONEN, die bunten und kreativ außergewöhnlichenLampen von Stefan Wielands WIELAMP, Betonschmuck von CONCRETE JUNGLE und Silberschätze von der Designerin von FOREVE, um nur einige zu nennen.

 

 

Nach der Frage, was den beiden bei ihrer Arbeit am meisten Spaßmacht, sagen sie mir: „Es ist total interessant Menschenkennenzulernen und ihnen bei der Einrichtung ihrer Wohnung zu helfen. Wir beraten sehr gerne, wenn es um Kunst in den eigenen vier Wänden geht. Ob Kunstkenner oder der totale Laie, bei uns findet jeder etwas. Der Verkauf und das Kuratieren der jeweiligen Ausstellungen steht aber selbstverständlich an oberster Stelle.“

Die ersten 6 Monate sind inzwischen vergangen. Ihre Fachhandlung kommt sehr gut an. Sie ernten viel Lob für ihre Arbeit, was ihrer Seele gut tut und ihnen zeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Man könnte sagen, dass ihr Publikum genauso vielschichtig ist, wie der Laden selbst. Meistens kommen Interessierte, die zum Markt laufenoder die den Laden von der gegenüberliegenden Aldikasse entdeckenund rüberkommen um zu stöbern. Andere Kunden, die bereits im Vorfeld von den beiden Schwestern gelesen oder gehört haben und dann den Fachhandel für Vintage Möbel, Kunst und Designkennenlernen möchten, kommen auch von weiter weg angereist. Annyund Sibel haben hier in der Umgebung eine Art Alleinstellungsmerkmal.

Ihre Fachhandlung verleiht der Geleitstraße eine neue Identität.
„Als wir den Laden entdeckt haben, sahen wir gleich das Potenzial. Am liebsten hätten wir gar nichts verändert, weil uns der verfalleneCharme so gefallen hat. Vieles haben wir im Urzustand gelassen. Als Kinder wohnten wir um die Ecke und unsere Mutter hat öfters in der Boutique die sich vor 30 Jahren hier befand geshoppt.“ Der Vermieterder Räumlichkeiten entpuppte sich als alter Schulfreund und hat die zwei Schwestern bei ihrem Unterfangen sehr unterstützt. „Ohne ihnund seine Verwalterin, hätten wir das nicht so gewuppt bekommen. Wir fühlen uns willkommen in unserer schönen Nachbarschaft.“ Wenn sie durch das Fenster aus ihrem Laden auf die Straße blicken, fühlt es sich wie Kino an. Es laufen die verrücktesten Gestalten vorbei. Offenbach und seine Geleitstraße wird von Anny und Sibel liebevoll „Texas“ genannt: „Es ist ein Schmelztiegel, in dem Nationen und Generationennebeneinander leben, manchmal mit Problemen, allerdings nicht so häufig, wie man vielleicht annehmen würde. Offenbach hat das Potenzial zu einer Vorzeigestadt für gelebteNormalität in derIntegration“ zu werden.“ Das sind doch ganz gute Aussichten für einen eigenen Laden in Offenbach.

 

 

Für die Zukunft ist es ihnen erstmal wichtig den Standort für länger zu halten. Begonnen haben die Zwei als PopUp, dabei soll es aber nicht bleiben. Die Galerie soll etabliert und das Ladenangebot noch etwas erweitert werden. Sie haben bereits ganz tolle Designer/Innen entdeckt, die sie gerne mit an Board hätten. Darüber hinaus sagen sie mir: „Es ist unser Wunsch mehr Veranstaltungen in den Räumen anzubieten. Die Eröffnungen der Ausstellungen ist ein guter Anfanggewesen, wir werden aber probieren einmal im Monat einen Barabendzu veranstalten und einen weiteren Abend, wo auch mal Vorträge zu Kunst und Design, mal Themenabende, Lesungen, Musik oder Filmvorführungen auf dem Programm stehen. Es soll einfach noch lebendiger werden und mehr Resonanz bekommen.“

Dass man als Geschwisterpaar erfolgreich durchstarten kann, haben ja bereits die Gebrüder Albrecht & Dassler gezeigt. Das ist also nichts neues. Anny und Sibel Öztürk werden allerdings einen anderen, kreativeren Weg einschlagen und diesen auch ohne Trennung und Aufsplittung der Geschäftsfelder meistern. Wer also Lust hat sich ein paar neue Bilder in die Wohnung zu hängen, ein neues Sideboard für den Flur sucht oder einfach nur eine von ihnen kuratierte Ausstellungansehen möchte, sollte sich auf in die Geleitstraße machen und sich von ihrer Marterie in den Bann ziehen lassen. Ich habe es ausprobiert, es lohnt sich.

 

Marterie  –  Geleitstraße 5  –  63065  –  Offenbach

Öffnungszeiten: Freitag & Samstag 11:00h – 16:00h  (oder auf Anfrage)

 

#schöneeckenausoffenbach

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