Sie kommen als Fremder und gehen als Freund. Ein Besuch im belgischen Bierhaus Le Belge

Le Belge

Auf meiner heutigen Runde durch Offenbach hat es mich mal wieder an den Wilhelmsplatz verschlagen. Im hinteren Eck haben sich in guter Nachbarschaft, verschiedene Lokale nebeneinander niedergelassen. Genauso unterschiedlich wie ihre gastronomischen Ausrichtungen, so verschieden sind auch ihre Nationalitäten. Man könnte auch von einem 4-Ländereck sprechen. Hier haben wir nämlich den Jugoslawen mit seiner hippen Bar, ein edles Restaurant in japanischer Hand, den griechischen Kioskbesitzer – der bekanntlich auf keinem Kiez fehlen darf – und eben einen Türken mit seiner Eckkneipe. Letzterer öffnet mir heute freundlich die Türen seines Lokals, um mir Antworten auf meine Fragen zu liefern und mich hinter die Hähne seiner Zapfanlage blicken zu lassen. Wenn man es ganz genau nimmt, handelt es sich an der Ecke Bleich- /Wilhelmstraße, sogar um ein 5-Ländereck. Die Eckkneipe von Mensur Yalcin ist nämlich ein belgisches Bierhaus. Kaum betrete ich das Le Belge, werde ich auch schon herzlich von Mensur begrüßt und fest an seine Schulter gedrückt. Wir setzen uns und plaudern erstmal so vor uns hin. Knapp 2h vergehen, bevor das rote Lämpchen an meinem Aufnahmegerät anfängt zu leuchten und wir mit dem eigentlichen Interview beginnen. Fürs Protokoll:

… Ich bin hier schon lange nicht mehr Fremd, sondern ein Freund. 

 

 

 

Während wir gerade das zweite Bier genießen, erzählt mir Mensur – auf Drängen seiner Bedienung Daggi, von der wir später noch etwas mehr erfahren – eine kleine Anekdote aus seinen Anfangstagen. „Im Keller des Studentenwohnheims, habe ich mit jungen Jahren die Rumpelkammer vom Hausmeister zur hauseigenen Bar umfunktioniert. Ich habe Tische, Stühle und ein paar Getränke organisiert und einfach losgelegt.“ Bereits nach kürzester Zeit ist der Laden aus allen Nähten geplatzt. Personal musste her, denn alleine war das für den tüchtigen Studenten nämlich nicht mehr zu schaffen. Durch kleinere Veranstaltungen, wie zum Beispiel einen Videoabend – an dem selbstbespielte VHS-Kassetten gezeigt wurden – hat Mensur bereits während seiner Studienzeit für ordentlichen Wirbel gesorgt. Ursprünglich ist Mensur auf dem Uni-Campus angetreten, um Elektrotechnik zu studieren, hat dann aber relativ schnell festgestellt, wo seine wahren Talente liegen. Mein Gegenüber ist einfach schon immer der geborene Gastgeber.

 

 

 

Mensur ist 1955 in der türkischen Provinz und gleichnamigen Stadt Zonguldak geboren. Das liegt direkt am Schwarzen Meer. Im November 1963 ist er mit seiner Familie dann nach Norddeutschland gekommen. In Nienburg an der Weser, hat mein Gegenüber daraufhin Deutsch gelernt und seine Schullaufbahn absolviert, bevor es ihn für sein Studium, über einen Stopp in Aalen (BaWü), nach Frankfurt am Main geführt hat. Nach einigen Semestern an der Uni hat es ihm allerdings gelangt: „Scheiß Studium habe ich mir gedacht! Ich habe alles hingeschmissen und als Geschäftsführer in einer Kneipe angefangen.“ Bereits nach kürzester Zeit, war Mensur der Meinung, dass er genug Erfahrungen gesammelt hat, um von jetzt an sein eigener Herr zu sein. Für die erste eigenen Kneipe, zog es ihn ins Ruhrgebiet. „In Essen habe ich ein belgisches Lokal mit dem Namen Le de Belge eröffnet.“ Den Bezug zu Belgien hat Mensur übrigens indirekt durch seinen Bruder bekommen, der in Belgien lebte und dem er damals regelmäßige Besuche abstattete. „Bei meinen Besuchen habe ich die Kultur und das belgische Bier lieben gelernt.“ Nach einer einfachen und zugleich logischen Marktanalyse, lief es dann fast wie von selbst. Da es auf seinem Kiez bereits einen Mexikaner, einen Spanier und einen Italiener gab, war für ihn sofort klar: „Es muss etwas belgisches sein!“ Seinem Konzept mit dem belgischen Bierhaus ist er bis heute treu geblieben. Auf seiner Reise nach Offenbach, hat er noch einen Zwischenstopp in Saarbrücken eingelegt. Dort hat er das „Chez Tintin“ eröffnet, welches von der Dekoration an die Abenteuer von Tim und Struppi angelegt und eingerichtet war, und von dem er sogar einige der Requisiten mit an den Wilhelmsplatz gebracht hat. In Offenbach angekommen, hat er letztendlich die ehemalige Eckkneipe „Klein Köln“ übernommen und es mit all seiner Energie und Erfahrung in das heutige Le Belge verwandelt.

 

 

 

Seit inzwischen 9 Jahren ist Mensur nun schon in seiner Paraderolle als Gastgeber in seinem belgischen Bierhaus am Wilhelmsplatz zu finden. So gut wie heute lief es allerdings nicht immer. „Die Lage hier am Platz ist etwas Abseits und wir haben es in unseren Anfangstagen richtig schwer gehabt uns zu etablieren.“ Obwohl das Le Belge seine Türen bereits um 11h am Morgen geöffnet und diese teilweise erst gegen 4h in der Nacht wieder geschlossen hat, saßen Mensur und Daggi in den ersten Jahren fast nur zu zweit in der Kneipe. „Wir haben ganz einfach auf den Feierabend der umliegenden Bars und Restaurants gehofft, um so noch einige Gäste abzufangen, damit wenigstens noch ein bisschen Umsatz in die Kasse kommt“, berichtet mir Mensur im Gespräch. Inzwischen gehört diese Geschichte allerdings der Vergangenheit an. Der Kiez ist viel belebter und man profitiert voneinander. Manchmal sitzt der Anzugträger mit Schlips und Kragen, neben dem Bauarbeiter mit Dreck an der Hose oder einer Gruppe Halbstarker, die für 15,80 EUR den Rausch ihres Lebens genießen. „Wir haben im Le Belge die unterschiedlichsten Leute um uns herum und es ist einfach jeder willkommen. Unsere Gäste sind unsere Freunde.“ Ich kann mich da nur anschließen. Im Le Belge wird einfach jeder so genommen wie er ist und dabei unkompliziert und freundlich behandelt. Schickimicki und eine Von-oben-herab-Mentalität bekommt man besser wo anders.

 

 

 

Wenn man allerdings auf der Suche nach einem belgischen Bier abseits der typischen Anheuser-Busch und InBev-Bierproduktionen ist, kann im Le Belge aus dem Vollen schöpfen. Auf der Getränkekarte finden wir 40 verschiedene Biersorten, von denen 14 sogar frisch vom Fass gezapft werden. Mal sind die Biere fruchtig und durstlöschend, mit einer leichten Schaumkrone, aber auch herrlich robust und authentisch, mit rubinroter, leicht brauner Farbe und einem süffigen Karamellgeschmack. Wer es etwas kräftiger mag, wird große Freunde an den dunklen Stark- oder den doppelt, bis dreifach gegorenen, leicht-süßlichen Bieren haben. Im Le Belge findet einfach jeder sein Bier und den passenden Deckel, inklusive Bierglas gleich dazu. „Belgisches Bier gehört nämlich zu den Sortenreichsten der Welt,“ erzählt Mensur. Seine Ursprünge reichen bis weit ins Mittelalter zurück. Aber erst der Einfluss des belgischen Vandervelde-Gesetzes, das ab 1919 den Verkauf von Spirituosen in Bars und Kneipen verbot und damit eine Nachfrage nach Bier, mit einem höheren Alkoholgehalt erzeugte, hat erheblich zu der Entwicklung der Sortenvielfalt beigetragen. Kaum zu glauben, dass das Vandervelde-Gesetz erst 1983 aufgehoben wurde.

 

 

 

Einen Bruchteil der Biere bezieht das Le Belge von einem Großhändler aus der Nähe, für die meisten unter seinen exklusiven Bieren, macht sich der Chef allerdings höchst persönlich, alle zwei Wochen mit seinem Transporter auf den Weg nach Belgien. Vor Ort arbeitet er mit einem belgischen Großhändler und einigen kleineren Brauereien zusammen, die er auf seinen Fahrten durch Belgien ansteuert. Da er an der Quelle sitzt und diese persönlich auswählt, kann er auch mal unkompliziert ein paar neue Sorten ausprobieren und mit nach Deutschland bringen. In seinen Anfangstagen ist er dabei mit dem Gesetz aneinandergeraten. Auf einer seiner Touren, hat er einen großen Sprinter bis unter das Dach vollgeladen. Kurz nach der belgischen Grenze wurde er dann von der deutschen Polizei angehalten. Die beiden Polizisten staunten nach Angaben von Mensur nicht schlecht, über die exklusive Auswahl an belgischem Bier an Bord. Doch das half alles nichts. „Nach unserem netten Smalltalk, haben die Polizisten die Zollpapiere überprüft und meinen Sprinter gewogen. Leider haben sie dabei festgestellt, dass das zulässige Gesamtgewicht des Transporters, um mehr als das Doppelte überschritten wurde.“ Die Hälfte der Lieferung musste vorerst stehenbleiben und auf einer separaten Tour abgeholt werden. Ein paar Wochen später kam dann der Bescheid, dass die Waage nicht korrekt funktionierte und Mensur wohl eine reelle Chance gehabt hätte, der Strafe zu entgehen. „Ich habe allerdings kein Fass aufgemacht, sondern meine Strafe als Lehrgeld angesehen und sie bezahlt.“ Die häufigen Fahrten nach Belgien nimmt der türkische Bierliebhaber aber nach wie vor immer wieder gerne auf sich, wenn er als Lohn seiner Arbeit in die zufriedenen Gesichter seiner Gäste blicken kann, die sich die vielen gefahrenen Kilometer förmlich auf der Zunge zergehen lassen.

 

 

 

Bierliebhaber kommen im Le Belge voll auf ihre Kosten. Manchmal sind sie aber auch zu übermütig, wie ich erfahre. Es kommt wohl immer mal wieder vor, dass junge Kerle an die Bar kommen, um Wetten abzuschließen. „Die wollen sich dann durch die ganze Bierkarte probieren,“ sagt Mensur. Geschafft hat diese ambitionierte Herausforderung bisher niemand. „Die Biere mit einem Alkoholgehalt von 2,5% – 4,5% vol. stellen für die meisten kein Problem dar, aber wenn man an die Biere mit 6,5 % – 11 % vol. Alkoholgehalt gelangt, ist für die meisten unter ihnen Feierabend. Meine Starkbiere ziehen spätestens nach dem dritten Bier selbst dem stärksten Seemann die Schuhe aus.“ Damit findet der Abend dann ein schnelles und nur allzu verständliches Ende an der frischen Luft. Vorsicht ist geboten.

 

 

 

Mensur empfiehlt vor einem Besuch im Le Belge, eine gute Grundlage im Magen zu haben. Wer dies zeitlich nicht schafft oder schlichtweg nicht daran gedacht hat, kann sich aber auch gerne eine belgische Spezialität vor Ort bestellen. Für einen kleinen Snack empfehle ich die belgischen Pommes. Das sind die breiten, dicken Kartoffelstäbchen, die man zuerst in Mayonnaise und/ oder Ketchup tunkt, bevor man sie im Anschluss, in einem Schälchen mit Zwiebeln veredelt. Lecker finde ich auch, die verschiedenen Flamm- oder die Brüsseler-Brotkuchenkreationen. Sollte man widererwartend nichts auf der Karte finden, ist die Küche im Le Belge flexibel aufgestellt. Mensurs Chefkoch ist seit knapp 6 Jahren an Bord und geht gerne auf Kundenwünsche ein. Unterstützt wird er bei seiner Arbeit abwechselnd von 2 Kollegen. „Fertiggerichte stehen bei uns nicht auf der Karte“, sagt Mensur. Stattdessen empfiehlt der Chef lieber frische Muscheln nach belgischer Art oder einen herzhaften Brüsseler-Brotkuchen. Mensur isst am liebsten die Variante mit Hackfleisch und Brokkoli. In der kalten Jahreszeit steht bei ihm dann der wärmende Chicorée-Auflauf hoch im Kurs, der von seinen Gästen ebenfalls sehr gut angenommen wird.

 

 

 

Überhaupt liegt Mensur das Wohl seiner Gäste im Le Belge sehr am Herzen. „Bei uns spielt es keine Rolle, ob man gerade alle Hände voll zu tun hat oder nicht. Jeder neue Gast der unser Lokal betritt, wird freundlich begrüßt und bekommt einen schönen Platz zugewiesen.“ „Wenn er das erste Mal bei uns ist,“ sagt Daggi, „kommen wir gerne ins Gespräch, um zu erfahren wie er auf uns aufmerksam geworden ist. Macht sich der Gast dann wieder auf den Weg, danken wir ihm für seinen Besuch, Küsschen links, Küsschen rechts und er wird verabschiedet.“ „Zwischendrin drehen wir auch gerne unsere Runden,“ ergänzt Mensur. „Wir gehen von Tisch zu Tisch und fragen ob alles in Ordnung ist und ob man noch etwas bringen kann. Natürlich wird dabei auch mal das eine oder andere Schwätzchen gehalten oder ein Schnaps auf Kosten des Hauses ausgeschenkt. Das gehört für uns nicht einfach nur zum guten Ton, sondern zeichnet unser Lokal aus. Unser Konzept der Gastfreundlichkeit, steht und fällt mit unserer Anwesenheit.“

 

 

 

Unterstützung bekommt das Le Belge dabei seit der ersten Stunde, von der bereits erwähnten Dagna Wozniak. Dagna, die von allen nur Daggi gerufen und von Mensur liebevoll „die Perle des Hauses“ genannt wird, hat sich vor knapp 9 Jahren aufgrund eines Flyers in ihrem Briefkasten bei Mensur beworben. Auf dem Flyer wurde auf die Neueröffnung des belgischen Bierhauses hingewiesen und dass dieses noch auf der Suche nach freundlichem Personal ist. Mit einem kurzen Höschen bekleidet und gebrochenem Deutsch, hat sich die damals 21-jährige Polin bei ihrem zukünftigen Chef vorgestellt. Mit verstellter Frauenstimme und leichtem polnischen Akzent sagt Mensur: „Hallo! Ich bin Dagna, ich suche Arbeit!“ Die Geschichte muss sich Daggi nun schon seit einigen Jahren, immer wieder anhören, aber trotzdem fangen auch beide immer wieder an zu lachen. Nach einem erfolgreichen Probearbeitstag ging es direkt los. „Ich liebe meinen Job,“ sagt Daggi. „Das freundliche Miteinander und der unkomplizierte Umgang mit den Gästen macht mir bei meiner Arbeit am meisten Spaß. Alles was ich über die Gastronomie weiß, habe ich von Mensur gelernt.“ Der ist sichtlich stolz auf seine Servicekraft und merkt an: „Daggi und ich verstehen uns blind. Da reicht ein Blick und sie weiß, was zu tun ist.“ Zwischen den beiden Publikumsmagneten funktioniert die Zusammenarbeit seit der ersten Stunde. Das erklärt auch, warum sich die beiden privat so gut verstehen und mit der Familie und gemeinsamen Freunden die unterschiedlichsten Sachen unternehmen. „Daggi gehört nicht nur zum Inventar des Le Belge, sondern zu meiner Familie,“ sagt Mensur. Daggi stimmt ihrem Chef da voll und ganz zu und ergänzt: „Mensurs Tochter ist wie meine kleine Schwester, mir passen sogar ihre T-Shirts.“ Ab und zu geraten Daggi und Mensur bei ihrer täglichen Arbeit zwar auch aneinander aber das gehört, wie der Regen bei einem starken Gewitter eben einfach dazu. „… Danach ist die Luft dann wieder rein,“ sagt Daggi.

 

 

 

Nach dem wir unser Interview beendet und gemeinsam den #schöneeckenausOffenbach Aufkleber an die Tür des Le Belges geklebt haben, verschwindet Mensur für einen kurzen Moment hinter dem Tresen. Als er zurück kommt, hat er nicht nur eine neue Geschichte auf Lager, sondern auch noch 3 kleine Schnapsgläser und einen schweren Tonkrug in der Hand. „Zum Abschied trinken wir noch einen schönen belgischen Genever,“ sagt Mensur und erhebt das Glas. Das ist ein belgischer bzw. niederländischer Wachholderschnaps mit knapp 40 Umdrehungen. Ich erfahre, dass sich der Name sowohl vom französischen und vom niederländischen Begriff Wacholder ableitet. Butterzart läuft er unsere Kehlen hinunter. Ein perfekter Abschluss und eine weitere Anekdote, die ich glückselig und inzwischen leicht benebelt mit nach Hause nehme. Die Geschichten, die mein Gegenüber auf Lager hat, machen das köstliche belgische Bier, welches aus den Hähnen seiner Zapfanlage fließt, noch ein Schlückchen besser und darüber hinaus werden durch seinen unkomplizierten Umgang, selbst fremde Gäste in kürzester Zeit zu zukünftigen Freunden. Für mich hat Mensur Yalcin als Gastgeber in der Paraderolle seines Lebens einen Oscar verdient. Und wer weiß, … vielleicht bekommt schon der nächste Gast zu seinem frisch gezapften Bier eine Anekdote von meinem Besuch erzählt.

Ich sage tschüss, ich bin raus und bald Geschichte.

 

Le Belge Offenbach  –  Bleichstraße 49  –  63065 Offenbach  –  Telefon: 069 56 99 70 21  –  Facebook  –  Instagram

 

#schöneeckenausOffenbach

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