Mainrecords. Ein Schallplattenladen in Offenbach, ohne reguläre Öffnungszeiten! WTF!?

Mainrecords.

Für meinen neusten Hintergrundbericht habe ich mich mit meinem selbsternannten Stadtmagazin #schöneeckenausOffenbach mal wieder auf den Weg gemacht, um mit der gewohnten Hingabe etwas genauer hinzusehen. Ich blicke heute hinter die Kulissen des letzten physischen Plattenladens in Offenbach. Jetzt denkt ihr euch vielleicht, Schallplatten kaufen in Offenbach, … geht das überhaupt noch? Um die Antwort gleich vorwegzunehmen, JA! Das geht tatsächlich noch, allerdings stehen einem die Räumlichkeiten des Fachgeschäfts nicht wie im Supermarkt, „nine-to-five“ zum Platten kaufen zur Verfügung. Für den Einkauf bei Mainrecords muss man – genau wie ich für mein bevorstehendes Interview – einen Termin vereinbaren, denn wie bereits in der Überschrift erwähnt, sucht man das Schild mit den regulären Öffnungszeiten vergebens.

 

 

An einem sehr heißen Juni Tag – die Temperaturen kratzen seit knapp einer Woche an der 40° Marke – öffnet mir daher der gut „aufgelegte“ Inhaber zur vereinbarten Zeit die Türen zu seinem schönen Eck-Laden in der Bieberer Straße. Mein Gegenüber heißt Christian Schildger, trägt Bart und Flip-Flops und ist bereits ab dem ersten Moment ein ebenso entspannter wie sympathischer Gesprächspartner. Nach einer kurzen Runde Smalltalk und einem prickelnden Schluck Mineralwasser zum Akklimatisieren sind wir auch schon beim Du und mittendrin in einem ehrlichen Gespräch über die Passion und Hingabe für schwarze Plastikscheiben sowie den Hype der Vinyl Schallplatte. Ich höre sofort heraus, dass es hier um viel mehr geht, als nur um Brot und Butter für seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Es muss sehr wahrscheinlich Leidenschaft sein!

 

 

Christian Schildger (Künstlername: Clocke / C-Lektro) ist 1983 in Offenbach geboren und zusammen mit seinem jüngeren Bruder Matthias (Matt Star) in der multi-kulturellen Stadt am Main aufgewachsen. Bis heute hat er sie nicht verlassen. Die intensive Verbindung zur Musik, oder besser gesagt zur Langspielplatte, hat Christian seinem Bruder zu verdanken. „Wir haben zusammen, so ziemlich jede freie Minute in einem Schallplattenladen, ganz in der Nähe vom heutigen KOMM-Shoppingcenter verbracht,“ erzählt mir Christian über seine Anfänge. Wie ich erfahre war sein jüngerer Bruder Matthias nämlich schon damals ein richtiger Musikfreak. Er konnte Platten ineinander mischen und hatte bereits Erfahrungen beim Auflegen gesammelt. „Das Können und Know-How meines Bruders haben mir sehr imponiert.“ Damit sein Bruder noch schneller an die coolen, neuen und heißen Scheiben kam, hat ihm Christian jeden Monat mit seinem Taschengeld unter die Arme gegriffen und ihm im Prinzip, sein Hobby mit finanziert. „Dank dem Einfluss meines Bruders, bin ich kontinuierlich in das Schallplatten Ding hinein gewachsen. Als sich mit der Zeit mein eigener Geschmack entwickelte und ich meinen Bruder immer häufiger davon überzeugen wollte, auch mal diese oder jene Scheibe zu kaufen, um sie in sein Set einfließen zu lassen, hat er die Schallplatten meistens mit einem: „Nö! Die kann ich aktuell nicht gebrauchen!!“ abgetan. Um trotzdem an die Platten zu kommen, habe ich dann irgendwann angefangen, meine Taschengeld in die eigene Sammlung zu stecken.“

 

 

An seine ersten Schallplatten aus Kindheitstagen kann sich mein Gegenüber übrigens noch sehr genau erinnern. „Das war so eine Mappe voll mit Singles, die auf 45 rpm abgespielt werden. In ihr waren lauter Hörspiele. Von „Rapunzel“ über „Der gestiefelte Kater“, bis hin zum „Schatz im Silbersee“ von Karl May, waren da einige Klassiker dabei,“ gibt Christian mit einem breiten Lächeln im Gesicht zum Besten. „So etwas vergisst man einfach nicht!“

 

 

Über die Jahre ist Christian immer mehr und mehr mit dem Schallplattenladen verwachsen. In den Pausen und nach Schulschluss, war der Laden seine konstante und erste Anlaufstelle. Hausaufgaben wurden kurzerhand auf dem Verkaufstresen erledigt, bevor er sich durch die heißesten Neuerscheinungen gehört hat. Da Christian so nah dran war, hat er vor Ort nicht nur die neusten Scheiben zuerst, sondern auch alle personellen Veränderungen in Echtzeit mitbekommen. Es muss ungefähr zur Jahrtausendwende gewesen sein, als einer der Teilhaber die Segel gestrichen und das Geschäft mit dem schwarzen Vinyl an den Nagel gehängt hat. Christian hat daraufhin nicht gezögert, alle anfallenden Aufgaben übernommen und ist, fast über Nacht, stolzer Besitzer seines eigenen kleinen Plattenladens geworden. Das Geschäft mit den Schallplatten hat Christian ziemlich gut in den Kram gepasst, da er parallel bereits seine eigene Musik, auf dem eigenen Label veröffentlichte und auch mit einer eigenen Partyreihe (Monchichi) im MTW sehr erfolgreich die Puppen hat tanzen lassen. Die Story hinter dem Geschäft mit der Vinyl-Schallplatte klingt eigentlich fast zu perfekt, wenn da nicht die Sache mit seinem Studium gewesen wäre.

 

 

Viva la Vinyl …

Parallel zu dem ganzen Musik-Ding, probierte Christian gerade, die Fachbereiche Biologie und Geografie bei einem Studium auf Lehramt, mit seinen täglichen Aufgaben im Plattenladen unter einen Hut zu bringen. Für ihn war klar, dass über kurz oder lang, einer der Beiden Aufgabenbereiche auf der Strecke bleiben würde. Christian hat sich am Ende für seine Leidenschaft, die Musik sowie den Schallplattenladen entschieden und kurzerhand bei Freunden – dem Schallplattengroßhändler DBH Music in Fechenheim – eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert. Ungefähr zur gleichen Zeit stand der Umzug vom Standort des heutigen KOMM Shopping-Centers in der Fußgängerzone, in die etwas außerhalb liegende Bieberer Straße an. Er hätte zwar auch in dem Neubau des Shopping-Centers einen Platz bekommen, aber der charmante Eckladen und der Insiderfact, dass in den Räumlichkeiten seines heutigen Ladens, bereits sein Opa ein Fachgeschäft für Elektronikbauteile betrieben hat, machten die Entscheidung leichter, die ältere Location, der neueren vorzuziehen. „Mit dem bestandenen Abschlusszeugnis in der Tasche, habe ich mich dann voll und ganz auf meine Musik, den Umzug und alle anfallenden Arbeiten im Plattenladen konzentriert.“

 

 

Betrachtet man die stetig steigenden Verkaufszahlen des boomenden Online-Geschäfts der bevorstehenden Nuller-Jahre, hat Christian auf das richtige Pferd gesetzt. Während in seinem Laden vor Ort langsam aber sicher die Verkäufe stagnierten und er sogar einen Umsatzrückgang beobachten konnte, überschlugen sich die Bestellungen in seinem Online-Shop fast über Nacht und er kam mit dem Bearbeiten der offenen Aufträge sowie dem Versenden der Pakete nicht mehr hinterher. „Das war eine richtig stressige Zeit,“ berichtet mir Christian. Mittlerweile hat Mainrecords allerdings Zuwachs bekommen, denn alleine wäre das Geschäft mit den ganzen Schallplatten schon lange nicht mehr zu stemmen gewesen.

 

 

In den Regalen bei Mainrecords findet man von Techno, Electro und House Music, über 60er, 70er und 80er Jahre Kram, bis hin zu den unterschiedlichsten Hip Hop Scheiben eigentlich so ziemlich alles. Lediglich Klassik und Schlager sucht man bei Mainrecords vergebens. Obwohl sich auch von dieser Spielart in der hintersten Ecke, sicherlich die eine oder andere Scheibe finden lässt. Die Räumlichkeiten in der Bieberer Straße platzen nämlich so ziemlich aus allen Nähten. Selbst in jedem freien Nebenzimmer und Kellerraum, in den zusätzlich angemieteten Geschäftsräumen aus der umliegenden Nachbarschaft, stapeln sich die Schallplatten bis unter die Decke. Es gab sogar mal den Versuch einer Zweigstelle in Hamburg, die allerdings – aufgrund von privaten Annehmlichkeiten – recht schnell wieder geschlossen wurde. Mainrecords beherbergt aktuell ungefähr 100.000 kategorisierte Schallplatten, zu denen sich noch ungefähr 30.000 private sowie unzählige, noch zu sichtende Scheiben und Ankäufe addieren. „Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Sogar zu Hause beherberge ich – zum Leidwesen meiner Freundin – so viele rare Schallplatten, dass meine Lebenszeit nicht mehr ausreicht, um sie alle zu verarbeiten oder nochmal auf den Plattenteller zu legen! Und Hand auf’s Herz,“ ergänzt Christian, „… es kommen fast täglich neue dazu.“

 

 

Christians Dilemma lässt sich am besten mit dem Sinnbild eines Alkoholikers beschreiben, der Besitzer seiner eigenen Kneipe ist und in dieser zu einem seiner besten Kunden gehört. „Ich probiere mich da wirklich radikal einzuschränken und nehme zum Beispiel nur gebrauchte Schallplatten – leihweise – mit nach Hause. Mit den Neuheiten darf ich gar nicht erst anfangen.“ Mein Gegenüber vergleicht seine Sammelleidenschaft mit dem wechselnden Geschmack beim Essen. „Es gibt Tage, da stehst du total auf Pommes und nimmst dir ein paar 80er Jahre Platten mit nach Hause. Dann kommen aber wieder Tage, wo du lieber Spaghetti oder ein gutes Stück Fleisch essen möchtest und entsprechend, zu ein paar exklusiven Jazz oder eben anderen Scheiben, die dir gerade so in die Finger kommen, greifst. Ich bin offen für alle Arten von Musik und möchte mich da nicht festlegen oder gar einschränken. Zu meinen Lieblingskünstlern zählen u.a. Kraftwerk aber als Vinyljunkie, kann man eben auch immer, alles andere, gerade genau jetzt gebrauchen,“ sagt mein Gegenüber und lacht. Lediglich Death Metal und ähnlich harte Gitarrenmusik, in denen man Gegröle und Schweinegrunzen (Growls & Pigsqueals, Anm. d. Red.) als Stilmittel nutzt, sucht man in Christians Plattensammlung vergebens.

 

 

Wer bei Mainrecords durch die prall gefüllten Schallplattenregale stöbern möchte, kann natürlich auf gut Glück bei Christian vorbei spazieren und schauen, ob sich die Türen zu seinem Vinyl-Paradies öffnen lassen, oder aber besser gleich einen Termin zur (privaten) Shopping-Runde vereinbaren. Wer hingegen nicht darauf steht, sich Scheibe für Scheibe, durch die schier, endlose Auswahl an Plattencovern zu blättern (sorry – aber so war das halt damals), hat parallel die Möglichkeit, im zugehörigen Onlineshop bei Discogs, gezielt nach einem oder gleich mehreren Titeln zu suchen und sie bequem in den Einkaufswagen zu legen. Christian und sein Kollege kümmern sich dann darum, dass die Bestellungen schnellstens das Haus verlassen und natürlich unbeschadet bei ihren zukünftigen Eigentümern eintreffen.

 

 

„Verglichen mit der Zeit vor dem großen Vinyl-Boom,“ erinnert sich Christian, „habe ich meinen Stammkunden damals noch stapelweise, vorsortierte Schallplatten vor die Nase gelegt.“ Christian kannte seine Pappenheimer schließlich und wusste, worauf sein jeweiliges Gegenüber gerade abfährt. „Durch meine Vorauswahl hat sich mein Kundenstamm dann einen halben Nachmittag durchgehört und am Ende, 3- 4 Exemplare für gut 80,- Euro mit nach Hause genommen. Dann kam plötzlich der Hype und ich habe im Online-Shop für die gleichen Scheiben, fast den doppelten Preis bekommen.“ Der Plattenladenbesitzer hat die Welt nicht mehr verstanden. #DontbelievetheHype „Ich wusste nicht warum und wie mir passiert, … aber von den höheren Verkaufspreisen konnte ich erstmal sehr gut leben!“

 

 

Aber wie jede Medaille, hat auch diese hier zwei Seiten. „Durch die ganze Arbeit mit dem Online-Shop und den sinkenden Verkaufszahlen vor Ort, ist mir irgendwann auch das – für einen Plattenladen so typische – Beratungsgespräch abhandengekommen.“ Zum Fachsimpeln über bevorstehende Neuerscheinungen und das romantisierte Plaudern über die unterschiedlichsten Musikrichtungen und Alben vergangener Tage, kommt Christian bei seiner täglichen Arbeit leider immer seltener. Von den ausgelasteten Anlagen der Presswerke, die Dank gewissen Dauerbrennern von den Beatles und Bowie – im Schichtbetrieb – rund um die Uhr Platten pressen, möchte Christian gar nicht erst anfangen. „Die große Nachfrage nach bekannten Reissues und die Tatsache, dass die großen Majors dieses Verlangen befriedigen und einfach permanent, mit alten Wiederauflagen die begehrten Slots in den Presswerken blockieren – um letztendlich noch mehr Geld zu verdienen – macht es den kleinen Labels natürlich noch schwerer, ihre „neue“ Musik auf Vinyl zu veröffentlichen.“ Mit dem eigenen Label im Rücken, habe ich hier jemanden gegenüber, der weiß wovon er spricht.

 

 

Lang lebe die Langspielplatte …

Zur Freude von Christian, hat sich über die letzten 2 Jahre der Markt für Vinyl Schallplatten wieder etwas normalisiert und eingependelt. Ebenso wie die teilweise, absurden Preise, die für begehrte Scheiben aufgerufen wurden. Das Geschäft mit dem schwarzen Gold bleibt am Ende des Tages allerdings weiterhin Spekulation. „Wie viel ich damit verdiene, sehe ich erst am Monatsende. Das Geschäft mit den Schallplatten lässt sich dadurch am ehesten mit dem Aktienhandel vergleichen,“ gibt Christian ehrlich zum Besten. „Verkaufe ich die Scheiben zu teuer, bin ich der Vinyl-Hai, zu billig und ich komme nicht über die Runden. Es ist wichtig – wie bei allem – ein gesundes Mittelmaß zu finden und gute Bezugsquellen zu haben. Es ist eine Leidenschaft, die manchmal eben Leiden schafft.“ 

 

 

Christian ist zufrieden, wie es läuft und möchte sich einfach weiterhin auf seinen guten Riecher verlassen. Er ist sich bewusst, dass er mehr Geld mit seinem Geschäft verdienen könnte, aber an einem so schönen Nachmittag wie heute, bei knapp 40° im Schatten, ist er dann eben doch viel lieber am Baggersee oder im Freibad anzutreffen, als in seinem doch recht warmen Schallplattenladen. „Ich genieße mein Leben einfach zu gerne und möchte – so lange ich genug zu beißen zwischen den Zähnen habe – mir meine Zeit frei einteilen können!“ Zu einem seiner liebsten Orte in der Stadt zählt dabei der Offenbacher Wochenmarkt, auf dem er gerne Zeit verbringt. Dort kann man ihn häufig Samstags, bei einer ausgiebigen Runde Kaffeeklatsch mit Freunden und Verwandten antreffen, bevor es ihn entweder zurück zu seinen Schallplatten oder aber in das eigene Musikstudio zieht. Schließlich muss jeder am Ende selber entscheiden womit er seine Brötchen verdient und bei Christian … knistert es eben im Berufsleben. Nach der Frage, warum er sich für Vinyl entschieden hat, antwortet er mir wie aus der Pistole geschossen: „Früher gab es einfach nichts anderes. Heutzutage möchte ich MP3s oder CDs zwar nicht schlecht reden, aber für mich bleibt es einfach etwas Haptisches:

… Es ist wie Sex mit oder eben ohne Gummi!!“

 

Mainrecords  –  Bieberer Straße 63  –  63065 Offenbach  –  Telefon: 069 85096754  –  Email: mainrecords@gmx.de

Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung

 

#schöneeckenausOffenbach

 

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